nicht weit

die löwen kommen zu den frauen
in einer gitarre schläft zukunft
das wintermeer ist nicht weit

aus "südwärts und du", 2007

2 Kommentare 13.6.07 23:27, kommentieren

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Tempeltänzerin

Am Morgen auf der Autobahn, beim Weg zur Arbeit: In einem früheren Leben war ich Tempeltänzerin, ich erinnere mich an Weihrauchgeruch und das Lachen der Priesterin. In einem nächsten Leben werde ich Hirschkäfer oder Amöbe. STAU! Ich komme zu spät zur Arbeit.


aus "Die Eroberung der Welt scheitert am Alltag", 2007

13.6.07 13:13, kommentieren

[Re: Agressionspotenzial]

Der Himmel ist blau, die Worte stehen da, die Sonne scheint, und ich habe vergessen, den Herd abzuschalten, als ich am Morgen das Haus verließ, aber was kümmert das Sprache.


aus "Die Eroberung der Welt scheitert am Alltag", 2007

11.6.07 15:39, kommentieren

haltlos

Über die bodenbeschaffenheit könnte ich schreiben oder dein erdbraunes haar, das im regen glänzt, wie die feuchte lehmschicht über den kalkbänken glänzte, du weisst, damals in dem steinbruch, wo wir uns das erste mal geküsst hatten, bei solchen rückzügen ins private vergesse ich immer die liebe oder verliere den halt.


aus "Geologie und Liebesleben", 2007

1 Kommentar 11.6.07 15:34, kommentieren

IM SCHATTEN

im schatten des baumes
fallen die gedichte
leiser
weicher


aus "Tauch ein - Gedichte 1970-1994", Waldkircher Verlag 1995, ISBN 3-87885-301-7

11.6.07 15:15, kommentieren

[Ton.art, 14.02.2007]

herzkranzgefäße und blut
heute keine krebszellen
vielleicht in einem anderen leben
aber daran glaube ich nicht

aus "Dalai Lama", 2007

1.3.07 14:17, kommentieren

LAGO -- Tessiner Reisenotizen

Ascona, Piazza G. Motta

Montag, 13. Mai 2002

... saß am ufer und schaute hinaus auf den see. Ein anblick, der mich beruhigte. Leicht gekräuselte oberfläche, über die schwalben dahin huschten. In der ferne ein boot mit rotem segel. Wohl das erste schiff seiner art in der noch jungen saison. Der ausflugsdampfer, weiß, ein doppeldecker mit namen "Capriolo", unter italienischer flagge fahrend, legte gerade an. Die lautsprecheransage zweisprachig, in deutsch und italienisch mit schweizer akzent, dirigierte die wartenden am ufer und auf deck an das gatter, das sie voneinander trennte. Ein schluck cappuccino, er schmeckte nicht schlecht. Silvia fragte nach dem restprogramm für den tag.

... blickte hinunter vom Monte Verità auf den see. Ganz klein jetzt die gestutzten platanen entlang der uferpromenade. Mit bloßem auge die freitische vor der bar ausgemacht, wo wir vor einer stunde gesessen hatten. Gelbe decken auf den tischen unserer bar, rote und blaue bei den benachbarten bars. Im rücken das Maggiatal und das Centovalli. Genau gegenüber, am anderen seeufer, das Gambarogno, rechts in der ferne Italien. Silvia fragte, wie weit es bis zur grenze sei. "Anstrengend solche treppenwege!"

... natürlich oft an Hermann Hesse gedacht, dessen geist überall über der landschaft schwebte. Silvia kannte einige seiner beschreibungen aus dem Tessin auswendig. Am abend, zurück im hotel in Porto Ronco, fragte sie mitten im essen, wie tief der see eigentlich sei. Die ersten fledermäuse huschten dicht an der pergola-überdachten hotelterrasse vorbei. Später im bett lange nicht eingeschlafen, das gesicht glühte vom sonnenbrand, den ich mir tagsüber eingefangen hatte. "Wohin morgen?", fragte Silvia, "nach Locarno oder ins Valle Cannobina?", und löschte das licht.


Cannobio, Valle Cannobina, Ronco/s. Ascona, Ascona
Dienstag, 14. Mai 2002

... saß am ufer und ...

Kein wölkchen weit und breit während des frühstücks auf der seeterrasse. Schon wieder der "Capriolo" am anlegesteg nebenan.

Silvia hat heute nichts gefragt, sie war vom tag überwältigt. Er endete nach einem pizzaessen vor dem schaufenster des "berühmten" buchantiquariats "Della Rondine" in der Casa Serodine in Ascona. Wir hatten den laden am tag zuvor schon besucht und nach büchern gestöbert. Erschütternd die geschichte des früheren besitzers, eines verfolgten aus Nazideutschland. Am meisten beeindruckte mich das buch über den leidenschaftlichen briefwechsel Marlene Dietrich - Erich Maria Remarque (Porto Ronco), das in der auslage stand.

Nach einem ausgezeichneten cappuccino in Cannobio (endlich in Italien!, endlich wieder in "Europa"!), wir konnten in der neuen währung "Euro" bezahlen, fuhren wir hinauf ins Valle Cannobina. Eines der letzten abenteuer mitten in Europa! Die kleine, enge straße schlängelte sich durch die "grüne hölle" des tals (wald, wald, wald!). Vorbei am abzweig nach Gurro, einem "schottisch“ besiedelten dorf, wie H.V. Morton in seinem mehrbändigen Italienreiseführer berichtet, hinauf nach Finero, um für die rückfahrt den weg über Malesco das Centovalli hinab nach Ascona zu wählen.

Finero! War 25 jahre zuvor schon einmal dort gewesen. Eine der stationen der "Tessin-Exkursion" in meinem geologiestudium. Der "Finero-Körper", ein schürfling mit gesteinen der Unteren Erdkruste oder des Oberen Erdmantels, die im zuge der Alpenfaltung nach oben geschafft wurden, entlang einer der hauptsuturen der Alpen, an der nahtstelle zwischen Südalpin und Zentralalpin (Ivrea-Zone, Tonale-Linie, Insubrische Linie etc. ihre Namen).

Zwei kilometer vor Finero und sieben vor Malesco einen schweizer getroffen, der uns entgegen kam. Beim kurzen plausch von fahrer zu fahrer erfuhren wir, dass die straßen nach Malesco sowohl das Centovalli hinab als auch in die entgegen gesetzte richtung nach Domodossola wegen der zweiwöchigen starken regenfälle, die es bis kurz vor unserer ankunft gegeben hatte, und der dadurch ausgelösten erdrutsche gesperrt seien. Das hieß, auf gleichem wege wieder zurück durchs Valle Cannobina. Ein paar kehren zuvor hatte ich Silvia erst erklärt, dass wir da nicht wieder vorüber kämen. Also: in Finero umgekehrt und zurück.

Am nachmittag, kurz vor Cannobio, kehrten wir, hungrig und durstig von der fahrt, in einem ausflugsrestaurant ein. Ein kleines, altes steinhaus, eine ehemalige mühle, liebevoll renoviert. Wir hatten es bereits bei der bergfahrt entdeckt, wie es plötzlich unvermittelt neben der straße aufgetaucht war. Sauber gedeckte tischchen auf dem schmalen aufgekiesten vorplatz zwischen gebäude und straße. Ringsum wald, fast alles kastanien. Der überaus freundliche wirt zauberte uns, da es um diese zeit keine warme küche gab, eine gemischte kalte platte mit käse und wurst. Silvia nahm anschließend noch eine ganz frische panna cotta mit beeren. Wir spürten die liebe des besitzers für das detail, die in dem haus und im essen steckten. Der begriff "idylle" (und ich meine das in positivem sinne) war noch weit untertrieben.

Zurück in unserem urlaubsort fuhren wir für zwei stunden hinauf ins zentrum von Ronco. Es folgten ein bummel durch die alten dorfgassen, tiefblicke hinunter zum see und Campari-Orange auf einer schön gelegenen restaurantterrasse. Nachdem wir uns im hotelzimmer in Porto Ronco kurz frisch gemacht hatten, ging es zum abendessen nach Ascona.


Locarno, Madonna del Sasso
Mittwoch, 15. Mai 2002

Wer erwartet, dass Locarno wie Ascona eine stadt ist, die ein seegefühl vermittelt, sieht sich getäuscht, Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, Locarno macht auf mich den eindruck einer "binnenstadt", während Ascona für mich eine "seestadt" ist. Das bedeutet aber keine wertung, es gibt lediglich den ersten eindruck wieder. Während der erste eindruck, den Ascona auf den besucher macht, unmittelbar vom see bestimmt ist, entfaltet sich die "binnenschönheit" Locarnos erst auf den zweiten blick. Besonders ist es die leicht am hang gelegene, lebendige altstadt mit ihren engen gassen, zahlreichen winkeln und versteckten innenhöfen, die den charme Locarnos ausmacht. Bei Ascona drängt sich unmittelbar der see auf, befindet man sich doch schließlich am "Lago". Aber das ist trivial. Ansonsten an diesem tag noch den beschwerlichen weg zu fuß zur " Madonna" hinauf und zweimal für länger in einem der straßencafés auf der "Piazza Grande" herum gesessen, bei panino und cappuccino, bei strudel di mele und espresso.

Silvia hat oft nach Orselina hinauf geschaut, wo Susanne, die protagonistin aus Christine Brückners heiter besinnlichem roman "Frühling im Tessin", gewohnt hatte. Die eisdiele "Picelli" in Locarno hat Silvia vergeblich gesucht.


Centovalli, Valmaggia, Palagnedra, Intragna, Bignasco
Donnerstag, 16. Mai 2002

Nachdem Silvia vom Valle Cannobina so außerordentlich begeistert war, wollte sie noch andere täler sehen. Zugegeben, für das Centovalli sprachen zum einen unsere zwei tage zuvor verpasste gelegenheit als folge der unpassierbarkeit der straße auf italienischer seite und, was schwerer wog, dass Susanne, die besagte protagonistin aus Brückners "Tessin-Roman", einmal eine fahrt mit dem bus durchs Centovalli hinauf nach Palagnedra unternommen hatte. Ich selbst kannte die täler von früher, das Valle Cannobina, das Centovalli, das Valmaggia und das Val Verzasca. Alle waren sie punkte von zwei geologie- und mineralogie-exkursionen meines studiums, vor 25, 26 jahren.

Das grüne wasser des unterhalb von Palagnedra gelegenen Melezzastausees beeindruckte Silvia sehr. Palagnedra selbst lag herrlich auf einer verebnungsfläche über dem tal. Der ort war hübsch, aber auch sehr ausgestorben, will sagen entvölkert. Doch die sonne schien, das reichte.

Wieder hinunter ins Centovalli und das tal hinab. Hunger und durst stellten sich allmählich ein. Bei Corcapolo, kurz vor Intragna, an einer parkbucht der straße halt gemacht. Direkt hier zweigte ein markierter wanderweg ab. Auf dem schild stand die hoch über dem tal gelegene ortschaft "Rasa" angeschrieben. Auf einem zweiten schild darunter stand "Ponte Romano", eine typische, alte tessiner steinbogenbrücke über die schluchtartig eingeschnittene Melezza.

Da wollte ich hin, noch vor dem essen. Wir hatten in unserem reiseführer von dem alten saumpfad und der "romantischen" flussüberquerung gelesen. Silvia war etwas müde und erschöpft, ich musste sie regelrecht zu dem über 100 höhenmeter tiefen abstieg und, was schwerer wog, dem anschließenden wiederanstieg überreden. Aber die mühen und anstrengungen haben sich wirklich gelohnt: smaragdgrünes, kristallklares wasser der Melezza in der schlucht unter dem "Ponte Romano".

Es war schon früher nachmittag, das programm für den tag aber noch lange nicht zu ende. Wir hielten in Intragna und stellten das auto auf dem besucherparkplatz am ortsrand ab. Zwischen zwei hausmauern zwängten wir uns die schmale treppe zum ortskern hinauf. Um zwei, drei ecken herum, dann durch einen dunklen, tunnelähnlichen gang und wir standen direkt vor dem seitenportal der dorfkirche.

Mir fiel plötzlich ein, dass ich alle meine papiere und das eingeschaltete handy offen im wagen liegen gelassen hatte. Also noch einmal zurück, alleine, und die sachen geholt. Silvia war inzwischen in die kirche hinein gegangen, die orgel wurde gerade restauriert. Handwerker kletterten auf gerüsten um die orgelpfeifen. Silvia war spätestens jetzt klar, dass orgelbauer kein beruf für sie wäre: immer in kalten kirchen auf gerüsten arbeiten, nein! Der berufswunsch orgelbauer war ihr beim besuch einer orgelwerkstätte ein jahr zuvor in den sinn gekommen.

Wir verließen die kirche durch das hauptportal, überquerten den kleinen dorfplatz und steuerten schnurstracks auf das hotel und restaurant gegenüber zu. Auf einer kleinen terrasse, einer art innenhof, aßen wir zu mittag. Silvia nahm minestrone und danach karamelköpfli, ich gnocchi mit butter und salbei und dazu einen hauseigenen Nostrano, einen etwas herb-derben, typischen tessiner rotwein (übrigens mein erster und einziger auf der reise), der im boccalino, einem tessiner steinkrug, serviert wurde.

Wir schlenderten nach dem essen noch circa eine stunde lang durch die menschenleeren, engen gassen von Intragna und genossen die romantischen winkel, die herrlichen ausblicke auf die umliegenden, grünen berghänge und täler. Mauersegler umkreisten den wuchtigen steinturm der dorfkirche.

Den abschluss des tages bildete die fahrt ins Maggiatal bis nach Bignasco. Dort, im milden licht der tief stehenden abendsonne (grandiose gegenlichtblicke!), auf der freiterrasse eines hotels am flussufer sitzend, tranken wir noch etwas. Anschließend schlenderten wir einmal um die benachbarte kirche, über die dahinter gelegene alte steinbrücke und durch das historische dorfzentrum von Bignasco mit seinen walserähnlichen holzhäusern auf der anderen flussseite.

Auf der rückfahrt nach Porto Ronco und dem Lago ein kurzer blick hinauf zu den schneebedeckten bergen um Bosco Gurin (ein echtes „Walserdorf“!), wo nicht nur wir nicht hin kamen in unserem urlaub, sondern auch seinerzeit Susanne nie hin gekommen war.


Ascona, Autobahn Gotthardroute nach Norden, quer durch die ganze Schweiz Richtung Breisgau
Freitag, 17. Mai 2002

Nach dem frühstück auf der hotelterrasse (wo denn sonst!) die koffer gepackt, das auto beladen, voll getankt und abgereist. In Ascona gleich einen stopp eingelegt, um noch ein paar lebensmittel für zuhause einzukaufen. Ein letztes mal über die „Front“ am seeufer flaniert, die platanen wurden immer dichter!

In einem der seerestaurants im freien zu mittag gegessen, gnocchi mit artischocken und cocktailtomaten, und dann endgültig ab nach norden, richtung heimat! Heimat?

Nach dem Gotthard-Nordportal die leute in ihren autos bedauert, weil sie in einem schier endlos scheinenden stau auf der gegenfahrbahn richtung süden fest saßen. Auf unserer seite freie fahrt!

Kurz vor der deutsch-schweizerischen grenze, vor dem südportal des Belchentunnels, dann aber selbst eine knappe stunde im stau gestanden.

Abends um sechs uhr zuhause angekommen und gleich, wie für gewöhnlich freitagabends, noch schnell zum hofverkauf auf unseren „Biolandbetrieb“ gefahren, um die wocheneinkäufe an gemüse und obst zu tätigen. Im laden eine arbeitskollegin von Silvia getroffen, sie war mit ihrem mann beim einkaufen. Haben ihnen gleich erste urlaubseindrücke berichtet.

Irgendwie „unwirklich“ so ein urlaub, wenn er vorbei ist! Seltsam die schnelle reisegeschwindigkeit mit dem auto! Ein wechsel zwischen zwei „welten“ innerhalb eines halben tages, mit durchquerung einer dritten, vierten ... (welt oder dimension?) ... Alles für den verstand und das gefühl nicht nachvollziehbar, nicht ganz zu begreifen ...

Das Tessin hing uns noch lange nach. Eigentlich tut es das bis heute.


aus "Verspätete Hochzeitsreisen", 2002

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